Bildung, Bücher, Kultur - wie viel Kultur braucht die Bildung?

Reinhard Klimmt

Verbeugung vor der Literatur
Ex-Ministerpräsident Reinhard Klimmt in Ottersberg

Von Uwe Dammann (mit freundlicher Genehmigung des Achimer-Kuriers)

OTTERSBERG. Der Rollentausch gefällt ihm nach eigenem Bekunden. Früher hat Reinhard Klimmt große Reden geschwungen, während andere das Beiprogramm bestritten - heute ist er selbst das "Kulturprogramm", sagt Reinhard Klimmt mit einem Schmunzeln.
Der frühere Bundes-Verkehrsminister und Ministerpräsident des Saarlandes war in der Ottersberger Fachhochschule zu Gast und stellte sein neues Buch "Überall und irgendwo" vor .Klimmts Kolumnen, die in dem neuen Band zusammengefasst wurden und die er auszugsweise in Ottersberg vorlas, sind eine Verbeugung vor der Literatur. Früchte einer lebenslangen Beziehung zu bedrucktem Papier, ergänzt durch Holzschnitte von Uwe Bremer.
Klimmt stellte in Ottersberg nicht nur seine Biographie vor, sondern erläuterte seinen Heimatbegriff und widmete Schriftstellern wie Günter Grass eigene Essays. Über 12 000 Bücher hat Klimmt in seinem Saarbrücker Wohnhaus. "Ohne meine Liebe zur Literatur und zur afrikanischen Kunst hätte ich den Stress im Politikbetrieb nicht ausgehalten", sagt Klimmt und schildert nebenbei wie er mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder in Hamburg die Antiquariate durchforstete und Schröder ihm Geld für den Ankauf eines schönen Buches geliehen hatte.
Von dem ganzen "Zirkus" um einen Ministerpräsidenten vermisst er weder Sekretär, Dienstwagen noch Chauffeur, sondern lediglich die großen Diensträume, weil man sie mit Büchern und Kunstobjekten füllen konnte.
Und da zurzeit die Endphase des Landtagswahlkampfes eingeläutet wird, hatte die Ottersberger SPD den Ex-Ministerpräsidenten zusätzlich zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Bildung, Kunst und Kultur eingeladen, an der neben Klimmt, die Vorsitzende des Kulturausschusses im Landtag, Christina Bührmann, SPD-Landtagskandidat Dr. Tim Jesgarzewski und Professor Peer de Smit als Rektor der Fachhochschule sowie Moderator Veit Schüttrumpf von der SPD-Ottersberg teilnahmen.
Mit Klimmt hat die SPD einen Protagonisten, der es für unabdingbar hält, Kultur einen größeren Stellenwert im deutschen Bildungswesen einzuräumen. "Die Schule muss dazu beitragen, die Kreativität der Menschen zu entfalten", sagte Klimmt und befürwortete Theater-AGs und erweiterten Musikunterricht in den Schulen. Das sah auch Rektor Peer de Smit so, der noch ergänzte, dass kulturelle Arbeit auch therapeutisch wirken könne und bei der Arbeit mit Jugendlichen und alten Menschen erfolgreich eingesetzt werde. "Die Unterbewertung von Kunst und Kultur in der Schule ist ein gravierender Fehler der vergangenen Jahre", meint auch die Landtagsabgeordnete Christina Bührmann. Sie erhofft sich von der flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule, dass kulturelle Fächer wieder stärker im Rahmen des Nachmittagsangebotes berücksichtigt werden.
Das kulturelle Verständnis in den Schulen will auch Dr. Tim Jesgarzewski fördern. In Ottersberg gebe es mit der Freien Waldorfschule und der Fachhochschule für Kunst bereits schulische Einrichtungen, die hier ihren Schwerpunkt setzten, lobte Jesgarzewski. Doch dieses Angebot müsse landesweit flächendeckend verstärkt werden. "Schule darf nicht nur berufsorientiert sein, sondern muss vom Kind aus gesehen werden, um es individuell in seinen Fähigkeiten fördern zu können", sagte Jesgarzewski. Deshalb sei ein vielfältiges Schulangebot in Niedersachsen vonnöten. Private und staatliche Einrichtungen müssen hier nebeneinander bestehen und zu gleichen Teilen gefördert werden, so Jesgarzewski.

 
R. Klimmt in FH Ottersberg
Von links: Veit G. Schüttrumpf, Dr. Tim Jesgarzewski, Christina Bührmann, Reinhard Klimmt, Peer de Smid (Foto: Uwe Dammann)